Bericht über unsere Reise nach Belarus 2011

vom 19. bis 26. September 2011

von Frauke Nissen

Frauke mit Kindern

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19.9.2011

An diesem Tag starteten wir unsere jährliche Reise nach Kobrin (Belarus /Weißrussland). Wir, das waren außer mir Paul Martin und Martin Nissen, sowie Gerlinde Konzok-Clausen, von der wir mit dem Auto abgeholt wurden. Später kam noch Nico Mühlbacher hinzu, der uns direkt aus Spanien kommend, am Hamburger Flughafen traf.

Am Spätnachmittag fuhren wir von Niebüll nach Hamburg mit 120kg Übergepäck, zu dem dann noch zum Bersten vollgepackte Koffer von Niko kamen. Wir konnten nur hoffen, dass wir keine Schwierigkeiten bekamen. Den Abend verbrachten wir in einem Hotel, zwei Minuten vom Flughafen entfernt, wo wir unser Auto kostenlos für die eine Woche parken konnten.

   

20.9.2011

Nach einem guten Frühstück fahren wir mit der S-Bahn zum Flughafen und fliegen um 8:35 mit der LOT nach Warschau und dann weiter nach Minsk. Unsere Ängste, dass wir vom Zoll durchsucht werden könnten, waren - Gott sei Dank - unberechtigt. Uns fällt ein Stein vom Herzen! In Minsk holt uns der Schulbus aus Kobrin ab und nach fünf Stunden Fahrt sind wir endlich am Ziel. Nach einer herzlichen Begrüßung und einem typischen russischen Essen fallen wir erschöpft ins Bett.

     

21.9.2011

Unsere Arbeit in Kobrin begann damit, dass wir vier uns noch unbekannte Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren untersuchten, um sie dann mit Hörgeräten versorgen zu können. Nastja, das jüngste dieser Kinder, war erst ein paar Tage in der Schule bzw. im Kindergarten und war sehr ängstlich. Sie ist total stumm und sagte keinen Laut. Wir hoffen auf das erste Lächeln, wenn sie die Hörgeräte bekommt. Das wäre unser schönster Dank!
Martin hatte inzwischen versucht, im Internet ein Programm herunter zu laden, mit dem die Datei installiert werden kann, mit der die digitalen Hörgeräte programmiert werden.
Vika erhielt das reparierte Hörgerät von Maxim (Baha), weil sie damit besser hören kann als wie mit dem, das sie hat. Maxim hatte ein zweites Gerät und kann sich somit im Moment selber helfen.
Insgesamt kamen 54 Kinder, um mit neuen Hörgeräten versorgt zu werden oder ihre Geräte kontrollieren zu lassen. Außer den Kindern kamen auch einige Erwachsene. So erhielten auch drei ältere Damen Hörgeräte, und zwar neue, die wir ihnen schenkten, denn diese Frauen stehen in Verbindung zur Schule, da sie Bekannte der Direktorin der Schule sind und an die Schulen wollen und vor allem müssen wir alles kostenlos abgeben. Anderenfalls ist unsere Arbeit dort illegal und die Schulen würden Ärger mit den Behörden und der Steuerpolizei bekommen.
Die Mutter einer Lehrerin weinte vor Dankbarkeit, küsste unsere Hände und bedankte sich immer und immer wieder, dass wir ihr zum Hören verholfen haben.

Eine fünfzigjährige Frau kam und wollte zwei Geräte kaufen, die wir ihr privat zum Einkaufs-preis überlassen haben, sowie Batterien für ein Jahr. Das Geld verwenden wir zum Kauf neuer Geräte für die Kinder.

Sehr wichtig war vor allem auch ein Gespräch mit der Direktorin der Kobriner Schule, Tamara. Da sie erst seit kurzem Direktorin der Schule ist, hatte sie kaum Kenntnisse von unserem Projekt, das aus vielen Einzelprojekten besteht. Es ging somit zunächst um Information, dann aber auch um die Weiterführung und Optimierung des Projektes. Für dieses Gespräch wurde ich von der ausgezeichnet Deutsch sprechenden Dolmetscherin Ilona begleitet.

Folgendes ist uns wichtig:

  • Verbesserung der Arbeits- und Förderungsmaßnahmen für die Cochlear Kinder
  • Öffentlichkeitsarbeit: z.B. Tag der offenen Tür, Seminare für Ärzte, Eltern und Lehrer
  • Zusammenarbeit mit der Poliklinik Brest, denn dort steht das Bera-Gerät für die Früherkennung von Hörstörungen bei Kleinkindern
  • Weiterbildung der Laborkräfte

Die Direktorin zeigte sich sehr kooperativ und machte den Vorschlag, Internet-Auftritte in Belarus mit uns zu verlinken.
Sehr hilfreich ist auch, dass sich die Dolmetscherin Ilona bereit erklärte, für uns und die Kobriner Schule die E-Mails zu übersetzen.

    

22.9.2011

Am Vormittag wurden noch mehrere Kinder versorgt und Martin hat Larissa und Tanja darin geschult, Hörgeräte digital einzustellen. Nach dem Mittagessen fuhren wir weiter nach Pinsk. Dort gingen wir gleich ins Labor, um Kinder zu versorgen und hatten dann ein Gespräch mit der Konrektorin Olga. Der Kobriner Schule. Sie erzählte uns von einem Treffen in Mandrakya und dass eine Gesundheitsabgeordnete mit mehreren Ärzten zu einem kleinen Kongress mit 20 Personen kommen würde. So ein Treffen ist nicht unproblematisch, denn alle Mitarbeiter der Schule, die an unserem Projekt mitarbeiten, haben Angst, weil sie offiziell nicht im Labor arbeiten dürfen. Ihre Arbeit ist illegal. So werden wir der Gruppe aus Minsk erzählen, dass nur wir einmal im Jahr im dortigen Labor arbeiten.

Im Labor versorgen Paul-Martin, Nico, Martin und Gerlinde ca.30 bis 40 Kinder mit Hörgeräten, sowie im Kindergarten alle Neuankömmlinge. Teilweise waren schon einige der Kinder einseitig mit Geräten versorgt. Für diese Kinder ist es dringend notwendig, auch für das andere Ohr ein Gerät zu bekommen, da dieses Ohr sonst das Hören verlernt, was irreparabel ist.
Ich muss mich immer erst wieder an die gegebene Situation gewöhnen. Es berührt mich sehr, wenn ich diese kleinen Kinder sehe, die zum Teil erst 2 Jahre alt sind und nicht oder nur wenig hören können. Für manche ist es zwingend, im Internat zu leben, ohne Mutter. Andere Kinder kommen einmal in der Woche oder auch nur einmal in den Ferien nach Hause. Des Öfteren waren auch Mütter bei der Anpassung der Hörgeräte dabei, um die Versorgung ihres Kindes mitzuerleben. Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter gekommen war, reagierte überhaupt nicht. Das Audiogramm zeigte keine Funktion. Die Angst und die Verzweiflung der Mutter zu sehen, bricht einem das Herz. Ich habe mich mit ihr lange unterhalten und ihr gesagt, dass es noch die Möglichkeit einer OP mit Cochlear Implantaten gibt.
In solchen Fällen, d.h. nach einer erfolgreichen OP, ergibt sich aber ein weiteres Problem. Diese Kinder können nicht sprechen, da sie es nicht gelernt haben. Das Sprechen muss erst gezielt geschult werden - eine Tatsache, die in Belarus nicht einmal den Ärzten bekannt ist. Infolge dessen gibt es in Belarus auch keine Möglichkeit einer solchen Schulung. Das ist eine Katastrophe für ca. 300 Kinder, denn die Ärzte und Eltern meinen, dass diese Kinder in der Regelschule und im Kindergarten das Sprechen schon lernen werden, was absolut unmöglich ist. Diese Kinder müssen wie Babys erst ein Sprachverständnis entwickeln, was nur mit gezielter Hilfe möglich ist.

    

23.9.2011

Am Mittag des 23.9. um 12:30 Uhr kam eine große Abordnung aus Brest nach Pinsk, um mit uns ein Gespräch zu führen. Auch das Fernsehen war dabei und wollte ein Interview von mir.
Das war keine leichte Situation für mich, denn ich musste mir sehr überlegen, was ich sagte.
um die Schule und damit die Lehrer und auch unser Projekt zu schützen. Ich sagte, dass wir mit 5 bis 6 Personen einmal im Jahr kommen und nur wir das Labor und die dortigen Geräte benutzen etc. Ansonsten hätte die Schule eine hohe Strafe bekommen, weil kein Lehrer im Labor arbeiten darf, sondern nur „Laborärzte“ und auch nur sie dürfen Hörgeräte anpassen.
Im Anschluss daran versammelten sich etwa 20 z.T. wichtige Personen um einen großen Tisch, um mit uns ins Gespräch zu kommen. Dazu gehörte die Abgeordnete des Parlaments für Gesundheit, der Chefarzt der Poliklinik Minsk und der der Poliklinik in Pinsk, die Abgeordnete für Bildung und Schulwesen, mehrere HNO Ärzte, der Direktor der Schule Pinsk, seine Stellvertreterin sowie seine Tochter, die Audiogramme bei den Kindern macht. Außerdem waren Irina, drei Dolmetscher und wir 5 Personen anwesend, sowie eine
Frau, die als Kind Hörgeräte bekommen hatte und für Geräte, aber gegen eine OP mit Cochlear Implantaten war.
Unserem Ziel, in den Schulen in Pinsk und Kobrin eine spezielle Klasse für Kinder einzurichten, deren Sprachfähigkeit gezielt geschult werden muss, wurde Beachtung geschenkt, und auch der Vorschlag, im nächsten Jahr einen Spezialisten der Schleswiger Gehörlosenschule mitzubringen und Fortbildung für Lehrkräfte zu organisieren, fand großen Anklang.
Paul-Martin hat dann in seinem Vortrag noch einmal sehr deutlich darauf hingewiesen, dass eine OP sinnlos ist, wenn die Kinder danach nicht in eine spezielle, auf sie zugeschnittene Klasse kommen. Wir waren sehr erstaunt, dass keinem der Anwesenden dieser Sachverhalt bekannt war.

   

23.9.2011

Wastja, ein Kind aus der Anfangszeit unseres Projektes. kam zu uns, um seine von
 uns reparierten Geräte abzuholen. Er bekam auch noch einen neuen Abdruck, den Martin speziell für ihn angefertigt hatte.
Am Nachmittag waren Paul-Martin, Nico, Gerlinde und Martin im Labor. Sie haben dort viele Kinder mit Geräten versorgt oder diese repariert.
Ich wurde um 15:00 Uhr von Irina abgeholt, um mich mit der Familie von Dima zu treffen. Dima, ein 19jähriger Junge, der so einige Male mit seinem Zwillingsbruder Maxim bei uns in Niebüll war, hat sich im November 2010 das Leben genommen. Er ist viele Male von seinem Vater oder von Jugendgangs zusammengeschlagen worden, hatte immer Schmerzen und konnte kaum noch etwas essen. Als wir ihn im September 2010 das letzte Mal sahen, waren wir über seinen Zustand erschrocken. Beim Abschied hatte ich das Gefühl, dass etwas Schlimmes geschehen würde. Wir beide haben uns gar nicht trennen können und lange geweint. Dass ein Junge aus Belarus mit 19 Jahren weint, ist etwas Außergewöhnliches. Mir fiel der Abschied schwer. Meine ersten Worte zu Irina waren: Irina, ich weiß, dass ich zu wenig für diese Kinder tue!
Als die Nachricht von Dimas Tod kam, beschloss ich, dass dieser Tod nicht umsonst gewesen sein darf. Wieder zu Hause fassten Paul-Martin und ich den Entschluss, eine Stiftung zu gründen, um eine bessere, schnellere und nachhaltigere Hilfe zu gewährleisten.

Irina und ich holten die Mutter von Dima und seine Schwestern Vika und Tanja ab. Tanja hatte ihren Bruder tot aufgefunden und ist seitdem traumatisiert. Ich war über den Zustand der Schwestern erschüttert. Wir fuhren zusammen zum Friedhof. Es war auffallend wie viele junge Menschen und Kinder dort begraben waren. Auf den Grabsteinen war immer ein Photo von ihnen. Dimas Mutter zeigte mir sein Grab. Ich hatte ihr versprochen, dass Dimas Würde erhalten bleiben soll, indem er einen dementsprechenden Grabstein erhält und nicht nur ein einfaches Holzkreuz. Die Familie kann einen solchen nicht finanzieren. Durch viele kleine und größere projektbezogene Spenden, konnte ich ihr das dafür notwendige Geld übergeben, bzw. Irina, die es solange verwaltet.
Dann waren wir in Veras Wohnung. Vera ist unser „Projektkind“. Mit diesem Mädchen fing 1995 alles an. Sie bekam damals eine Brille und zwei Hörgeräte. Sie spricht jetzt gut und führt als gelernte Schneiderin ein selbständiges Leben. Sie hat eine eigene Mietwohnung, die sie in Ordnung hält. Küchengeräte, Herd, Kühlschrank, Waschmaschine und Möbel hat sie aus unserer ehemaligen Wohnung, in der sich die „Suppenküche“ befand, bekommen. Dieses Mädchen hat sich gut entwickelt, worüber sich insbesondere Irina freut, denn sie hatte Vera als zweijähriges Waisenkind zu sich genommen. Es ist ein erfolgreicher, aber auch ein steiniger Weg gewesen.

Abends hatten wir eine Einladung bei der Familie von Christina Tischkowitsch. Sie ist mit sieben Jahren adoptiert worden. Mit sechs Jahren hat sie mit ansehen müssen, wie ihrer Mutter der Kopf abgeschnitten wurde. Durch die Hilfe und Unterstützung von Irina und deren „Schwestern“ sowie der Adoptivmutter konnte sie sich dennoch positiv entwickeln. Nächstes Jahr macht sie mit 18 Jahren die Aufnahmeprüfung für die Universität in Brest und möchte dann Deutsch studieren.
Nach einem feucht fröhlichen Abend mit viel Essen waren wir dann froh, in unsere Unterkunft, der Krankenstation der Schule, zu kommen.

   

24.9.2012

An diesem Tag folgten wir der Abendeinladung zweier Elternpaare, die in einem Dorf ca. 70km von Pinsk entfernt wohnen. Beide haben ein Kind, das operiert worden ist und ein Cochlear-Implantat trägt. Sie hatten viele Fragen an uns, die wir ihnen beantworteten und sie auch über spezielle Fördermaßnahmen informierten. Der Tisch war reichlich gedeckt und dazu gab es wieder viel Wodka. Obwohl wir sehr müde waren, wollten sie uns nicht gehen lassen. Sie möchten, dass wir im nächsten Jahr unbedingt bei ihnen übernachten.

    

25.9.2011

Von 9 bis 11:00 Uhr wurde im Labor gearbeitet. Insgesamt haben wir in diesen Tagen in Kobrin 54 und in Pinsk 89 Kinder versorgt. Davon waren 18 Kinder im Kinder-garten.
An diesem Tag wollten wir zu Wasja und Olga. Für diesen Besuch wurden wir vom Schulbus
abgeholt. Wasja ist seit 8 Jahren querschnittsgelähmt und ans Bett gefesselt. Er wird von seiner Frau Olga betreut. Durch großzügige Spenden und Unterstützung aus Deutschland braucht Olga nicht zu arbeiten und kann sich ganz der Pflege ihres Mannes widmen. Wir leisten seit Jahren kleine Hilfestellungen wie z.B. ein Rollstuhl, ein Patienten¬lifter, Matratze, Medikamente usw.
Anschließend besuchten wir Katjas Familie. Katjas Eltern sind Alkoholiker und sehr gewalttätig. Meine erste Begegnung mit Katja war erschütternd, weil sie einen von der Mutter verursachten Nasenbeinbruch hatte.
Ein weiterer Besuch galt Lisa, Katjas bester Freundin, die auch schon mehrfach in Niebüll gewesen ist. Sie hatte Geburtstag. Sie wurde 14 Jahre alt und lud uns zu sich nach Hause ein. Die Mutter hatte das Mädchen so manches Mal allein gelassen, um als Prostituierte zu arbeiten. Lisa freute sich über unseren Besuch.

Dann hatten wir ein Treffen mit den sog. Suppenküchen-Kindern. Große Wiedersehens¬freude! Maxim, der zurzeit beim Militär ist, hatte sich zwei Tage frei genommen. Es war ein tränenreiches Wiedersehen - ohne seinen Zwillingsbruder Dima.
Wir verbrachten den Nachmittag mit einer Schifffahrt, einem gemeinsamen Essen und beim Eislaufen. Ich bekam von den Kindern viele Briefe, Bilder und Geschenke für die Gastgeber in Deutschland und für mich. Im Anschluss fuhren wir zur Datscha von Irina und ihrem Mann Victor Awerin. Insgesamt war dies ein schöner Nachmittag mit Sonne, gutem Essen und Getränken sowie vielen Gesprächen. Der Bus fuhr uns dann um 19:00 Uhr zurück in die Schule. Wir freuen uns schon auf zu Hause.

    

26.9.2012

Wir wurden um 7:00 Uhr abgeholt. Um 13:30 Uhr waren wir im Flugzeug und flogen via Wien nach Hamburg. Um 22:00 Uhr waren wir dann wieder zu Hause in Niebüll.

Es war wie in den Jahren davor eine ereignisreiche Reise gewesen - eine Reise mit Problemen, Unsicherheiten, aber auch mit guten menschlichen Begegnungen und schönen Erlebnissen. Wir waren in einem Land, in dem Gastfreundschaft groß geschrieben wird. Die Inflation dort ist sehr hoch. Das Geld in Belarus hat im Vergleich zum Vorjahr 2/3 seines Werts verloren. Dennoch haben sie uns reichlich bewirtet.

Es ist eine wunderbare Arbeit, so vielen Kindern helfen zu können, dennoch sind wir auch jedes Jahr froh, wenn wir es geschafft haben.
Aber es gibt wieder einen neuen Anfang. Der Reisetermin 2012 ist der 19. bis 25. September und die Kinder, die in diesem Sommer vom 1.6. bis zum 1.7.2012 nach Niebüll kommen, habe ich mir auch bereits angesehen.