Bericht über unsere Reise nach Belarus 2013

vom 23. bis 29. September 2013

von Frauke und Paul Martin Nissen

Frauke mit kleinen Kindern in Pinsk

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Montag, 23.9.2013

Zum wiederholten Mal reisten wir, d.h. Gerlinde Konzok-Clausen aus Niebüll, Nico Mühl­bacher aus Spanien, Barbara Gerber aus Würzburg und wir, Frauke und Paul Martin Nissen, aus Niebüll am 23.9.2013 nach Belarus (Weissrußland), um hörgeschädigte Kinder in Kobrin und Pinsk mit Hörgeräten zu versorgen und die dort von uns eigerichteten Labore zu über­prüfen.Außerdem galt unsere Reise auch den sog. Suppenküchen-Kindern in Pinsk und deren Problemen.

Unsere Koffer waren unter voller Nutzung des zulässigen Gewichts bis zum letzten Gramm randvoll gepackt mit Labormaterial, Batterien, Hörgeräten als auch warmer Winterkleidung und einigen Leckereien für die Kinder in Pinsk. Der Zoll in Belarus ließ uns ungehindert passieren, was uns sehr erleichterte. In Minsk wurden wir  dann am Flughafen zu einer fünfstündigen Busfahrt nach Kobrin abgeholt, wo wir gegen 19:00 Uhr ankamen und zu unserer Unterkunft gebracht wurden.

    

Dienstag, 24.9.2013

Nach einer unruhigen Nacht holte  uns am nächsten Morgen der Schulbus ab und brachte uns zur Schule für hörgeschädigte Kinder, um dort Ludmilla, die Direktorin der Schule, zu treffen. Sie informierte uns über den Ablauf der folgenden zwei Arbeitstage in der Internatsschule in Kobrin. Hauptpunkt der Tagesordnung war ein Treffen von ca. 60 Personen, die für unser Ziel, gesonderte Klassen bzw. besonderen Unterricht für CI-Kinder (Cochlea implantierte Kinder) einzurichten, von entscheidender Bedeutung sind.

Diese Konferenz ist nach zwei Jahren intensiver Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit von unserer Seite nun endlich zustande gekommen. Das ist ein voller Erfolg, der uns in der Not­wendigkeit unserer Arbeit bestätigt. Es ist das erstemal, dass in Belarus das Gesundheits- und das Kultusministerium mit ihren Entscheidungsträgern sowie Kinderärzte, Lehrer, Erzieher, Therapeuten und die Eltern von operierten und noch zu operierenden Kindern miteinander reden, sich abstimmen und damit zur Zusammenarbeit bereit sind, denn nur so kann diesen Kindern eine optimale Entwicklung ermöglicht werden. Das große Interesse daran zeigte sich auch dadurch, dass uns eine von uns mitgebrachte Broschüre in russischer Sprache, die die Universität in München herausgegeben hat, praktisch aus den Händen gerissen wurde.

Das Problem der CI-Kinder ist, dass sie als Kleinkinder nicht wie andere Kinder lernen können, dass ein bestimmter Laut eine bestimmte Bedeutung hat. Um das zu lernen, bedarf es einer besonderen Schulung. Erst wenn diese erfolgreich ist, kann ein CI-Kind eine Regel­schule besuchen.

Die Direktorinnen beider Schulen, der in Kobrin und der in Pinsk, demonstrierten auf der Konferenz in Power Point Präsentation die Art des Unterrichts, den CI-Kinder brauchen. In der Schule in Kobrin sind zur Zeit drei und in der in Pinsk sechs CI-Kinder. Die Notwen­digkeit, für diese Kinder gesonderten Unterricht zu ermöglichen, wurde von den Direktorin­nen überzeugend dargelegt.

Zu dieser Konferenz sind auch zwei Ärztinnen aus der Brester Poliklinik gekommen, die für die Hörgeräteversorgung zuständig sind. Eine von ihnen, Frau Dr. Tamara Bresnek, ist eine alte Bekannte, die wir schon vor Jahren nach Deutschland geholt hatten, um sie an Behra-Geräten zu schulen, die wir damals nach Pinsk und auch nach Brest mitgebracht hatten. Mit diesen Geräten kann man bei Kindern bereits im ersten Lebensjahr Hörschäden diagnostizie­ren und sie gegebenenfalls mit Hörgeräten versorgen, was für die Entwicklung des Sprachzen­trums, des Richtungshörens und des Hörens in der Gesellschaft, in der Schule oder im Kindergarten entscheidend ist.

Auch in Kobrin und Pinsk werden Fortschritte in dieser Hinsicht gemacht, aber nicht aus eigenem Vermögen, sondern nur mit der Hilfe der Poliklinik in Brest. Von uns können Kinder bei festgestellter Schwerhörigkeit im ersten Lebensjahr nur mit  e i n e m Hörgerät versorgt werden. Das zweite bekommen sie erst nach zwei oder drei Jahren.Das ist bedauerlich, denn leider geht so immer noch wertvolle Zeit für die Entwicklung des Sprachzentrums und des Hör­vermögens verloren. Ein zweites Hörgerät auch schon in diesem Alter würde jedoch un­sere finanziellen Möglichkeiten, d.h. die der Stiftung Nissen e.V., übersteigen.Um dennoch bestmögliche Bedingungen auch für hörgeschädigte Kinder im ersten Lebensjahr zu errei­chen, haben wir uns viele Gedanken gemacht und schließlich einen Plan entwickelt, dessen Realisierung mit Unterstützung der Poliklinik in Brest möglich sein müsste. Stellt man bei einem Kind im ersten Lebensjahr einen Hörschaden fest, so bekommt dieses Kind  e i n Hörgerät von der Klinik in Brest, das nach zwei bis drei Jahren gegen ein Gerät von uns aus­getauscht wird. Diesem Kind wird dann auf dem anderen Ohr von uns ein entsprechendes Gerät angepasst, damit es beidohrig hören kann und so eine normale Entwicklung gewähr­leistet ist. Bei der Umsetzung dieses Planes zeigte sich jedoch, dass die Mütter, deren Kinder ein Hörgerät aus Brest bekommen hatten, ein Problem waren. Sie betrachteten das Hörgerät als ihr Eigentum und sahen demzufolge nicht ein, dass sie es zurückgeben ssollten. Es hat uns viel Mühe und Geduld gekostet, ihnen verständlich zu machen, dass es sich bei diesem Hör­gerät um ein geliehenes Gerät handelt und dieses in einwandfreiem Zustand zurückgegeben werden muss, wenn das Kind in zwei bis drei Jahren in der Klinik in Brest nachversorgt wird. Wir müssen nun abwarten, ob wir die Mütter überzeugen konnten, denn nur dann kann dieses Verfahren in Zukunft erfolgreich sein.

Nach Beendigung der Konferenz kam eine Frau auf uns zu, die fließend Deutsch spricht. Sie heißt Irina und bot uns ihre Hilfe als Dolmetscherin an. Irina ist Leiterin einer Einrichtung für autistische und geistig behinderte Kinder. Ihr Angebot zu dolmetschen nahmen wir mit Freu­de an, und so begleitete sie uns in der nächsten Zeit und ermöglichte uns damit, schneller und effektiver arbeiten zu können, denn wir hatten dadurch mehr Zeit und konnten mehr wichtige und notwendige Gespräche führen als sonst und so mehr Kindern, Eltern, Lehrern und Erzie­hern Hilfestellung geben und anstehende Probleme besprechen.

Im Anschluss daran versorgten wir viele Kinder mit neuen Hörgeräten, reparierten Geräte, nahmen Abdrücke von den Ohren, machten Hörteste und programmierten die Hörgeräte entsprechend der Schwerhörigkeit der Kinder.

     

Mittwoch, 25.9.2013

Gleich morgens kamen Kinder aus verschiedenen Klassen zur Untersuchung, d.h. zur Kon­trolle und gegebenenfalls zu neuer Einstellung ihrer Hörgräte. Nachmittags haben wir dann noch einmal zehn Kinder von außerhalb versorgt. In Kobrin haben wir somit insgesamt 65 Kindern wieder zu gutem Hören verhelfen können.

Die Schule in Kobrin hat nur noch 28 Kinder und steht deswegen vor der Schließung. Die Kinder sollen dann die Schule in Pinsk besuchen.

Um ca. 16:0 Uhr waren wir mit unserer Arbeit in Kobrin fertig. Wir bekamen noch Mittag­essen und fuhren anschließend mit dem Bus zum 120 km entfernten Pinsk.

    

Donnerstag, 26.9.2013

Nach einer Besprechung mit der Direktorin der Schwerhörigen-Schule in Pinsk gingen wir in den Kindergarten, um dort die Neuankömmlinge und damit auch schon die einjährigen  Kin­der mit Hörgeräten zu versorgen. Zu unserer Freude konnten wir feststellen, dass einige dieser Kinder bereits ein Hörgerät aus Brest bekommen hatten, das wir nun zurück bekamen und für ein anderes Kind nutzen konnten. Das bestärkte uns darin, den eingeschlagen Weg weiterhin mit Nachdruck zu verfolgen, damit auch diese Kinder beidseitig hören können, also optimal versorgt sind, und trotzdem die Kosten für die Niko-Nissen-Siftung e.V. im Rahmen zu hal­ten. Wir müssen nun abwarten, ob dieses Verfahren generell akzeptiert wird. Um dies zu unterstützen sollen an beiden Schulen Elternkonferenzen einberufen werden, um die Eltern noch einmal ausführlich zu informieren und sie vom Nutzen unserer Verfahrensweise zu überzeugen.

Danach kontrollierten wir die Hörgeräte bei den älteren Kindern und haben deren Probleme behoben. Außerdem wurden Abdrücke für neue Ohrstücke gemacht.

     

Freitag, 27.9.2013

Dieser Tag war lang und anstrengend. Von morgens bis abends spät kamen die Kinder klas­senweise aus der Schule in das von uns vor 18 Jahren installierte Labor. Die dortigen von uns ausgebildeten Techniker haben mit unserem Team zusammengearbeitet und alle Kinder mit funktionstüchtigen Hörgeräten versorgt.

Unsere Reise nach Belarus galt aber nicht nur den hörgeschädigten Kindern, sondern auch den sog. Suppenküchen-Kindern in Pinsk.

Zu diesem Projekt gehören unsere Ferienmaßnahme mit jährlicher Einladung von 20 - 30 Kindern zur Erholung in Niebüll, als auch die physische und psychische Betreuung von Kin­dern aus sozial schwachen Familien in Pinsk., deren Leben von Alkohol abhängigen Eltern, von Gewalt, Hunger und Missbrauch bestimmt wird. Für diese Kinder ist es nun endlich nach jahrelangen Bemühungen gelungen, eine Wohnung zu finden, die in naher Zukunft gemietet oder gekauft werden und Zufluchtsort und Anlaufstelle  für diese Kinder sein kann. Hier kön­nen sie über ihre Situation reden sowie Trost und auch Hilfe, soweit möglich, finden.

Am Nachmittag des 27.9. wurde Frauke von Irina Awerin abgeholt, um ihr die Wohnung zu zeigen. Irina ist die Leiterin des Suppenküchen-Projektes in Pinsk und für dieses Projekt von unschätzbarem Wert, denn ohne sie könnten wir dieses Projekt nicht durchführen. Mit großem Einsatz und Verantwortungsbewusstsein kümmert sie sich um diese Kinder und begleitet sie auch jährlich zum Ferienaufenthalt in Niebüll. Leider wird dies nach nun achtzehn Jahren im nächsten Jahr (2014) zum ersten Mal nicht möglich sein, da wir keine Unterkunft gefunden haben. Darum werden wir den Kindern einen Ferienaufenthalt vor Ort in Belarus finanzieren. Außerdem finanzieren  wir die jährliche Schulspeisung und bei Fraukes Besuch wurde die mitgebrachte Winterkleidung an die Kinder verteilt. Frauke und Irina nutzten das Zusammensein dann auch noch, um über die vielen negativen Veränderungen im Land und die Folgen der hohen Inflation zu sprechen.

Insgesamt haben wir in den vier zurückliegenden  Tagen an beiden Schulen zusammen 165 Kindern zu gutem Hören verhelfen können. Das war „Marathon-Arbeit“, aber wir haben dies gern getan, und die strahlenden Augen der Kinder, die zum ersten Mal oder nun verbessert hören konnten, war reichlicher Lohn dafür, sowie das Wissen darum, dass wir  diesen Kindern

die Chance gegeben haben, in naher Zukunft oder auch bereits jetzt eine reguläre Schule er­folgreich zu besuchen, einen Beruf zu erlernen und somit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ein schönes Erlebnis ist immer wieder auch die Dankbarkeit der Eltern dieser Kinder zu erfahren. Wie schon in den vorangegangenen Jahren, so wurden wir auch dieses Jahr   zu einem feucht fröhlichen Abend  mit großzügiger Bewirtung eingeladen. Die Kinder dieser Eltern hatten Ende der 90iger Jahre von uns Hörgeräte erhalten und damit die Chance auf einen guten Schulabschluss und einer Berufsausbildung, die sie auch genutzt haben. Eines dieser Kinder ist Informatiker geworden und zwei weitere haben ein Studium erfolgreich abgeschlossen – eine weitere Bestätigung dafür, dass unsere Arbeit sinnvoll und notwendig ist. Sie bildet die Basis für eine positive Entwicklung hörgeschädigter Kinder.

    

Samstag, 28.9.2013

Dieser Tag war für ein Treffen mit den sog. Suppenküchen-Kindern reserviert und sollte ein Tag sein, der ganz ihnen gewidmet war. Aber dann waren doch noch einige Mütter mit ihren Kindern und eine Großmutter mit ihrem Enkel zur Schule gekommen und baten um Hilfe, die wir ihnen natürlich gegeben haben. Dem Enkel hatten wir bereits vor 17 Jahren in Niebüll zwei Hörgeräte angepasst.             

Um 10:00 Uhr trafen wir uns dann mit 50 Suppenküchen- und zusätzlich 20 hörgeschädigten Kindern und unternahmen eine organisierte und privat finanzierte Flussfahrt. Außerdem hatte Barbara Gerber ein vielseitiges Programm mit verschiedenen Spielen vorbereitet. Für uns war es schön, so viele zufriedene und lachende Kinder zu sehen. Für die Kinder war dieser Tag ein ganz besonderes Erlebnis, das sie so schnell nicht vergessen werden und etwas Freude in ihr sonst so freudloses Dasein brachte.

Nachmittags waren wir von Irina und deren Familie in deren Gartenhaus, ihrer Datscha, eingeladen, wo, wie es in Belarus üblich ist, getrunken, gegessen, gesungen und viel gelacht wurde, wir aber auch viele wichtige Themen besprochen haben, um unsere Projekte den neuen Gegebenheiten und Veränderungen anzupassen.

     

Sonntag, 29.9.2013

Morgens um 7:00 Uhr wurden wir mit dem Schulbus abgeholt und erreichten nach fünf Stunden Fahrt den Flughafen Minsk. Barbara Gerber hatte Glück und flog mit der von uns gebuchten Maschine nach Wien, um dort den Anschluss nach Frankfurt zu erreichen. Wir anderen  hatten wegen Überbuchung keine Chance auf einen Platz in diesem Flugzeug  und mussten drei Stunden warten bis wir schließlich einen Flug über Riga nach Hamburg beka­men. Erschöpft und durchgefroren, denn der Flughafen in Minsk war nicht beheizt, kamen wir dann um 19:00 Uhr in Hamburg an.

   

Fazit:

Die Tage in Belarus waren anstrengend. Es gibt dort große Veränderungen einschließlich einer hohen Inflation, was sich auch auf unsere Projekte auswirkt. Die mühsame Aufklärungsarbeit und das Kämpfen für die Kinder trugen dazu bei, dass  wir am Ende unserer Reise emotional und physisch  erschöpft waren. Was jedoch gibt es Wichtigeres als sich für das Wohl von Kindern einzusetzen? Alles Negative ist bald vergessen und die Motivation, die nächste Reise zu planen und vorzubereiten kommt schnell zurück.

Ein großer Dank gilt dem Team in Belarus, das dort für uns arbeitet, sowie auch allen Helfern und Spendern in Deutschland, denn ohne sie wäre es nicht möglich, den Kindern eine neue Leitlinie und damit die Chance für eine bessere Zukunft zu geben.

   

Liebe Grüße an alle

Paul Martin & Frauke Nissen