Bericht über unsere Reise nach Belarus 2014

vom 20. bis 27. September 2014

von Frauke und Paul Martin Nissen

Unsere Team in Belarus 2014

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20. September 2014

Auch in diesem Jahr sind wir wieder nach Belarus (Weißrussland) gefahren, um zu überprüfen, ob dort entsprechend unserer Anweisungen ordnungsgemäß gearbeitet wird, aber auch um Menschen zu treffen, die uns inzwischen durch unsere dortige Arbeit vertraut und zu Freunden geworden sind.

Zu unserer Reisegruppe  gehörten außer meinem Mann, Paul-Martin Nissen, und mir, Frauke Nissen, noch Gerlinde Konzok-Clausen, Nico Mühlbacher und Gabriele Beine, die neu in unserem Team ist. Sie ist Akustikerin und hat ihre Hilfe angeboten, weil sie sich für unsere Arbeit in Belarus interessiert.

Unsere Reise begann am Hamburger Flughafen und ging über Frankfurt a.M., wo wir Gabriele Beine trafen, nach Minsk. Dort angekommen stellte sich wie in jedem Jahr die bange Frage, ob  wir und gegebenenfalls wie wir vom Zoll kontrolliert würden. Unsere Koffer waren gepresst voll mit Winterkleidung, Hörgeräten und sonstigen Geräten, ohne die, abgesehen vom finanziellen Verlust, unsere Arbeit in Belarus kaum möglich ist. Aber auch in diesem Jahr hatten wir Glück und wurden nur flüchtig kontrolliert. Diese Hürde war genom­men! Erleichtert stiegen wir in den am Flughafen für uns bereitstehen­den Bus der Pinsker Schule für Schwerhörige und Gehörlose und kamen nach ca. 5 Stunden Fahrt  in Pinsk an. Dort wurden wir von Irina Awerin und ihrer Familie zum Abendessen erwartet. Irina ist die Vorsitzende des Vereins „Unsere Kinder“, der aus der früheren Schwesternschaft hervorgegangen ist.

    

21. September 2014

An diesem Tag waren 40 Kinder, die vom Verein „Unsere Kinder“ betreut werden, zu einem Ausflug mit dem Bus eingeladen. Wir fuhren zu einer Art Vergnügungspark, der aber anders  ist als wie wir ihn kennen. Hier waren die Kinder aktiv und es war Kreativität gefragt. Sie konnten z.B. Theater spielen, musizieren, Gedichte aufsagen oder auch singen und sie konnten auch einfach einem Zauberer zuschauen und ihren Spaß daran haben. Außerdem haben wir mit ihnen gespielt. Nach einem gemeinsamen Essen wurden wir von den Kindern damit überrascht, dass sie uns zu einem kleinen Konzert einluden, das sie für uns  einstudiert hatten. Das hat uns sehr berührt und zutiefst gefreut. Die Kinder hatten die Möglichkeit, die sich ihnen hier bot, genutzt  um „Danke“ zu sagen.

Dieser Ausflug, der durch eine zweckgebundene Spende finanziert wurde, war nicht nur eine besondere Freude für diese Kinder, sondern gibt diesen sog.  „Kindern der Suppenküche“ auch ein besseres soziales Ansehen, wenn sie z.B. in der Schule davon erzählen können – und das brauchen sie dringend.

 Nach dem Ausflug haben wir uns in Pinsk die Räume angesehen, die wir für die „Suppenküche“ kaufen möchten, um für die Kinder, die in Not geraten, eine feste Anlaufstelle zu haben. Anschließend gingen wir zum Essen, das zwei Frauen der ehemaligen Schwesternschaft für uns vorbereitet hatten. Dies Beisammensein mit ihnen gab uns auch die Gelegenheit, die mitgebrachten Geschenke abzugeben. Nach vielen fröhlichen „Toasts“ und lieben Worten waren wir dann gegen 23:00 Uhr in der Kranken­station, die auch schon im  letzten Jahr unser Nachtquartier gewesen war.

   

22. September 2014

Am Montag waren wir um 9:00 Uhr in Pinsk in der Schule für Schwerhörige und Gehörlose und wurden dort von allen Kindern herzlich begrüßt. Danach gingen wir, d.h. Paul-Martin und ich, in das Büro der Direktorin, die dort bereits auf uns wartete.

Sollte unsere Arbeit weiterhin erfolgreich sein und dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ entsprechen, müssen wir darauf bestehen, dass wir von weißrussischer Seite unterstützt und gemachte Zusagen auch eingehalten werden. Vorbereitende Arbeiten waren nicht gemacht worden, die wir nun tun mussten. Damit wurde Zeit vertan, die kostbar war, denn wir konnten unseren Aufenthalt in Belarus nicht verlängern. Außerdem widerspricht ein solches Verhalten unserem Ziel der Selbsthilfe. Wir waren somit gezwungen, zunächst fehlende Kabel zu besorgen, Programme zu installieren und weitere Probleme zu beseitigen, worüber wir verärgert waren, denn dies bedeutete viel mehr Arbeit als vorgesehen und vor allem auch Stress. Das versuch­ten wir der Direktorin nahe zu bringen. Sie zeigte sich auch einsichtig und versprach Besserung und so hofften und hoffen wir, dass es nicht bei schönen Worten bleibt, sondern in Zukunft besser läuft. Schließlich handeln wir nicht in eigenem Interesse, sondern in dem der Kinder, für deren Hörfähigkeit sie als Direktorin einer -Schule für Schwerhörige und Gehörlose mit verantwortlich ist.

Während Paul-Martin und ich bei der Direktorin waren, haben Gerlinde, Nico und Gabriele mit der Hörgeräte-Anpassung und Kon­trolle angefangen und bis zum Mittagessen die Arbeit fortgesetzt. Nach dem Essen, d.h. ab 14:30 Uhr, wurde im Labor weitergear­beitet. 22 Kinder warteten dort schon auf uns. Hinzu kamen dann noch weitere 40 Kinder, die von uns im letzten Jahr digital versorgt worden waren und deren Geräte und Hörvermögen nun kontrolliert werden musste.

Während die anderen den Nachmittag über im Labor beschäftigt waren, hatte ich eine wichtige Besprechung zum Thema Kauf einer Wohnung als „Kinder­schutzhaus“.  Es wurde u.a. vereinbart, sich am Mittwoch noch einmal zu treffen, um den Kaufvertrag zu unterschrei­ben.

Abends hat uns Vera in ein Restaurant eingeladen, um den Tag zu feiern, an dem sie vor 20 Jahren durch unsere Hilfe zum ersten Mal hören konnte.  Damals war sie 5 Jahre alt und mit ihrer Adoptivmut­ter in Niebüll. Vera war das erste Kind, das von uns zwei Hörgeräte und eine Brille bekam. Damit war unser Projekt geboren und für Vera war es das Geschenk eines neuen Lebens.

    

23. September 2014

Es wartete viel Arbeit auf uns! Ab 9:00 Uhr wurden die Kinder der Klassen 1 bis 5 mit insgesamt 98 Kindern untersucht und neu versorgt. Es wurden neue SE’s und Audiogramme gemacht, vorhan­dene Hörgeräte repariert und wenn nötig auch ausgewechselt. Auffallend war, dass in diesem Jahr bedeutend weniger Schwerhörige aus dem Umland gekommen waren als erwartet. Wir wissen nicht warum, aber es entlastete uns. Hinzukommt, dass unser Gespräch mit der Direktorin der Schule Konsequenzen zeigte und dafür gesorgt worden war, dass wir uns ohne Hektik ganz auf die Kinder konzentrie­ren konnten und genug Zeit für notwendige Gespräche mit Lehrern und Eltern blieb. Dies Verhalten der Direktorin zeigt uns, dass unser Ziel die „Hilfe zur Selbsthilfe“ zwar noch nicht erreicht worden ist, aber doch einen entscheidenden Fortschritt gemacht hat, so dass wir erwägen, in Zukunft nur noch alle zwei Jahre nach Belarus zu fahren. 

Während die anderen am Nachmittag weiterhin im Labor arbeiteten, bin ich mit Irina zu einer ihr bekannten Familie gegangen, deren Situation erschütternd ist und mir nicht aus dem Sinn geht. Die Mutter von vier Schwestern im Alter von 7, 8, 12 und 13 Jahren, die regelmäßig zur Suppenküche kommen, sitzt im Gefängnis und der drogenabhängige Vater liegt mit schweren Verbrennungen, die er sich beim Kochen der Drogen zugezogen hat, im Krankenhaus. So fühlt sich die Großmutter verpflichtet, für die Mädchen zu sorgen, kann dies aber aufgrund ihrer schlechten Gesundheit, wozu auch Schwerhörigkeit gehört, und wegen ihres hohen Alters (82 Jahre) nur noch sehr bedingt. Um wenigstens etwas helfen zu können, sind wir mit der Großmutter in die Schule zur Hörge­räte-Versorgung gefahren und haben ihr dort zwei Hörgeräte angepasst. So können sich Groß­mutter und Enkel­kinder wenigstens besser verstehen.

Anschließend besuchten wir eine Familie, deren dreijähriges Kind an einer Entzündung des Knochenmarks (Osteomye­litis) leidet. Die Eltern hoffen, in Deutschland Hilfe zu bekom­men und gaben mir die Röntgenbilder mit. Ich werde mich um Hilfe bemühen. Vielleicht haben wir ja Glück.

Am Abend fand mit der Direktorin und einigen Lehrerinnen ein gemeinsames Abendessen statt, bei dem Probleme, Veränderungen und Zukunftspläne besprochen wurden.

   

24. September 2014

Am Vormittag waren wir damit beschäftigt Geräte anzupassen, Hörgeräte zu untersuchen und SE’s abzuholen. Dann geschah etwas, das mich besonders freute und ein ganz besonderer Moment für mich war, denn plötzlich stand ein junger Mann vor mir und bat um neue digitale Hörgeräte. Dieser junge Mann hatte, als er vier Jahre alt war, von uns Hörgeräte bekommen und war auch schon zur Erholung in Niebüll. Für mich ist es immer wieder ein besonderes Erlebnis, „meine Kinder“ wiederzusehen.

Besonders schön war es auch, die Freude eines Ehepaares zu erleben. Der Mann einer Raumpflegerin der Schule bekam von uns zwei Hörgeräte und beide waren überglücklich und voller Dankbarkeit, dass der Mann nun wieder hören konnte.

Wie am Montag vereinbart, trafen Irina Awerin und ich uns beim Rechtsan­walt, um den Kaufvertrag für das Kindeschutzhaus zu unterschreiben. Da es aber Ungenauigkeiten in der Übersetzung gab, habe ich erstmal Abstand von der Unterzeichnung des Vertrages genommen. Ich werde meine Unterschrift erst dann unter den Vertrag setzen, wenn alle noch offenen Fragen geklärt und der Vertrag zu 100% juristisch abgesichert ist. Wir vereinbarten deshalb, dass wir das Haus noch nicht kaufen, sondern erst einmal nur mieten und weiterhin so nutzen, wie es jetzt schon geschieht. Unter der Leitung von Irina Awerin und mit Hilfe fünf weiterer Frauen des Vereins „unsere Kinder“ werden Kinder, die zu ihnen kommen, physisch und psychisch betreut. Neben der Akustik liegt uns dieses Projekt sehr am Herzen und bekommt von uns jede mögliche Hilfe und Unterstützung.

Am Nachmittag fuhren wir in das ca. 120 km entfernte Kobrin zu der ebenfalls von uns betreuten Schule für Gehörlose bzw. schwerhörige Kinder. Wir erreich­ten Kobrin gegen Abend und trafen uns, nachdem wir in einem Studenten­wohn­heim untergebracht worden waren, mit der Direktorin der Schule sowie zwei Laborleiterinnen in einem Restaurant zum Essen. Dort wurde die Planung des nächsten Tages besprochen.

25. / 26. September 2014

In den noch verbleibenden zwei Tagen, Donnerstag und Freitag, wurden wir um 9:00 Uhr von unserem Quartier abgeholt und zur Schule gebracht. Dort haben wir bei insgesamt 55 Kindern die Hörgeräte kontrolliert und wenn notwendig repariert oder durch neue ersetzt. Da die Arbeit zügig vorranging, konnten wir am Freitagabend feststellen, dass wir alles geschafft hatten, was an praktischer Arbeit notwendig war.

Es kam dann noch zu einem Treffen mit den Lehrerinnen der Schule, da es noch eine Reihe offener Fragen gab, denn die Schule für gehör­lose und schwerhörige Kinder in Kobrin wird geschlossen, da es dort insgesamt zu wenige Kinder, d.h. Schüler, für den speziellen Unter­richt gibt, den diese Kinder aber dringend brauchen.

    

27. September 2014

Am Samstag wurden wir um 8:00 Uhr abgeholt und zum Flughafen gefahren.

Damit endete eine arbeitsreiche Woche, mit deren Ergebnis wir zufrieden sein können. Unserem Ziel „Selbsthilfe“ zu erreichen, sind wir ein großes Stück näher gekommen. Wir haben vielen Kindern und zwei Erwachsenen zum Hören oder zu besserem Hören verhelfen können und haben dafür immer wieder große Dankbarkeit erlebt. Dies waren auch für uns Momente des Glücks.

Andererseits waren wir zutiefst betroffen als man uns von Vikas Selbstmord­versuch erzählte. Vika, ein Heimkind, das ein Baha-Hörgerät trägt, bekam sein repariertes Gerät zurück und ein neues Gerät im Wert von 4000 Euro ange­passt. Für Vika sind diese Geräte lebenswichtig, Vika wurden, als sie 6 Jahre alt war, in Ulm Titanschrauben in den Schädel operiert, auf die Kuppelungen installiert wurden, auf die die Hörgeräte gekoppelt sind. Sie hat keinen Gehör­gang und keine Ohrmuschel, kann aber über diese Kombination Schall über die Knochenleitung direkt aufs Innen­ohr bekommen. Vika ist der neue Lebensab­schnitt in einem landwirt­schaftlichen Internat nach zehn Jahren Kobrina Schule sehr schwer gefallen. Hinzu kam nun, dass ihr Hörgerät nicht funktionierte, sie also nichts hören konnte, was sie aber aus nicht ersichtlichen Grün­den nieman­dem sagte. An dieser Situation ist sie offensichtlich verzweifelt. Wir konnten ihr helfen und dies nicht zuletzt dank uns zugegangener Spenden, für die wir an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich danken möchten.

Liebe Grüße an alle

Paul Martin & Frauke Nissen