Bericht über unsere Reise nach Belarus 2015

vom 24. bis 30. September 2015

von Frauke und Paul Martin Nissen

Frauke und Paul Martin Nissen

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24. September 2015

Am 24.09.15 um 6:00 Uhr begannen wir unsere Reise von Hamburg nach Kobrin, Belarus. Wir flogen über Wien nach Minsk. Von dort hatten wir dann noch eine fünfstündige Busfahrt  bis Kobrin, wo wir um 19:00 Uhr ankamen.

Beim gemeinsamen Essen mit der Direktorin Tamara sowie mit Larissa, Tanja und der Dolmetscherin  Irina haben wir das abgelaufene Jahr Revue passieren gelassen. Dabei konnten wir alle Probleme offen ansprechen.  Es wurde viel diskutiert und es wurden Verbesserungsvorschläge gemacht. Für uns war und ist das größte Problem immer noch die schlechte Kommunikation, worüber wir sehr verärgert sind, was wir auch deutlich  machten. Wir müssen diese verbessern,  damit wir weiter mit Kobrin arbeiten können. Lösung: Es werden die privaten Fax- und Mail-Adressen ausgetauscht und von den weißrussischen Mitarbeitern wird ein monatlicher Tätigkeitsbericht gefordert.

    

25. September 2015

Morgens um 9:00 Uhr wurden wir aus unserer Unterkunft abgeholt. An diesem Tag  haben wir 40 Kinder untersucht, kontrolliert, Geräte repariert und ausgetauscht oder die Kinder ganz neu versorgt.

Martin hat das neue Aperex-Programm auf die von uns gekauften Computer installiert, damit die Daten im PC vorhanden sind und wir die Geräte der Kinder schneller neu justieren und programmieren können. Leider dauerte es bis zum Nachmittag (auch inklusive  Datenfernübertragung nach Stuttgart) bis alle Programme installiert waren und wir die voreingestellten Neuversorgungen endgültig auf die Schwerhörigkeiten der einzelnen Kinder einstellen konnten. Nach den Anpassungen hat Martin Tanja in der Anpassung der einzelnen Hörgeräte geschult, damit sie es über das Jahr allein machen kann.

Gegen Abend kam noch die Familie Bogdab aus Brest, für die wir eine neue TV-Link Anlage (fürs Fernsehen) bestellt hatten. Die Begegnung mit dieser Familie ist besonders nett, weil sie herzlich und offen ist. Sie haben 3 Kinder, von denen das älteste, ein Mädchen, von uns versorgt worden war, als sie 3 Jahre alt war. Jetzt ist sie 11 Jahre alt. Sie ist eine sehr gute Schülerin und hat eine ganz natürliche Aussprache.  Das ist ein super Beispiel für die Notwendigkeit der Frühversorgung und die damit verbundenen Erfolge. Nach dem gemeinsamen Abendessen wurden Nettigkeiten und wie es in Belarus üblich ist, freundliche Toasts ausgesprochen.

   

26. September 2015

Am Morgen sind Martin und Nico gleich nach Pinsk und zur dortigen Schule gebracht worden, um Tanja weiter zu schulen. Gegen 12:00 Uhr sind wir dann mit dem Schulbus ebenfalls nach Pinsk gebracht worden, wo wir von der Lehrerschaft  und den Kindern herzlich begrüßt wurden. Zu unserer großen Überraschung hatten sie zum 20jährigen Projektjubiläum 3 große Plakate gemacht und so einiges darauf geschrieben und gebastelt. Sie haben z.B. eine Hand gemalt, auf der „Danke für die Hörgeräte“ oder „Danke für ein selbständiges Leben“ stand. Darüber haben wir uns sehr gefreut, da sich in einem so langen Zeitraum doch immer wieder mal die Frage stellt, welchen Sinn unsere Arbeit für die Kinder hat.

Um 16:00 Uhr hatten wir ein Treffen mit den sog. Suppenküchen – Kindern zum gemeinsamen Essen, das natürlich viel zu kurz war, um auf  die einzelnen Probleme eingehen zu können. Im Anschluss haben wir uns in den neu angemieteten Räumen für die Suppenküche mit den Frauen des Vereins  „Unsere Kinder“ getroffen, d.h. mit Irina, Natalie, Galina, Alla und der Dolmetscherin Valentina sowie Victor. Beim gemütlichen Beisammensein haben wir das alte Jahr Revue passieren  lassen und Pläne für das kommende Jahr geschmiedet.

    

27. September 2015

Um 11:30 Uhr wurden wir von Valentina und Alla abgeholt und fuhren an einen großen See, wo man ein Holzhaus gemietet hatte. Wir verbrachten dort einige schöne Stunden mit guten Gesprächen, Gesang und mit Grillen. Wir konnten uns dort persönlich mit kleinen Geschenken, einem Photobuch und einer DVD mit einem Lied bedanken. Elisa, die Freundin von unserer Tochter Christina, hat speziell zu diesem Anlass, d.h. zum 20jährigen Bestehen unserer TS, ein Lied getextet, komponiert, gesungen und mit der Gitarre begleitet. Die Untermalung mit Bildern zeigt den Abriss der letzten 20 Jahre und hat dem einen oder anderen Tränen der Rührung aus den Augen tropfen lassen. Für Vera, unser Projektkind, das wir vor 20 Jahren als erstes versorgt haben, war das ein unvergesslicher Augenblick.

    

28. September 2015

Die Arbeit in der Schule Pinsk begann um 9:00 Uhr mit einem Gespräch im Kabinett bei der Direktorin. Martin, Nico und Gabi Beine sind dann direkt ins Labor gegangen, um Kinder zu versorgen, Martin hat als erstes die neuen Programme auf den von uns besorgten Computer gespielt und mit Hilfe der Datenfernübertragung mit der Firma Aperex aus Stuttgart alles gangbar gemacht. Dann konnte die Arbeit so richtig beginnen und wir konnten noch 48 Kinder parallel auf zwei Computern anpassen und versorgen. Bei anderen wurden die Hörgeräte kontrolliert, repariert oder ausgetauscht. Um 14:00 Uhr wurden wir dann zu einem Festakt anlässlich der 20 Jahre Tschernobyl-Hilfe in die Aula gebeten. Es gab Ansprachen, musikalische- und Tanzvorführungen der Kinder. Es war auch das  regionale TV da und hat u.a. Interviews mit uns gemacht,  was dann abends im Fernsehen gezeigt wurde. Es wurden Urkunden vom Stadtpräsidenten überreicht. Zu unserer großen Freude hat auch endlich Irina in dieser Feierstunde ihre Anerkennung und Wertschätzung für das bekommen, was sie in den 20 Jahren geleistet hat,  wozu auch gehört, dass sie es war, die das Projekt mit uns aus der Taufe gehoben hat. Zum Abschluss gab es dann die obligatorische Geburtstagstorte. Martin, Nico und Gaby gingen dann wieder ins Labor und haben mit Ludmilla, Sascha, Olga und Natalia die Kinder weiter versorgt. Frauke und Paul-Martin gingen mit  der Direktorin und einigen Lehrern zu einer Elternversammlung. Wir wurden von 40 Eltern empfangen, die uns von den Erfahrungen berichten wollten, die ihre Kinder sowie auch die ganze Familie mit den hörgeräteversorgten Kindern machten. Sie bekundeten uns große Dankbarkeit dafür, dass ihre Kinder mit Hilfe der Hörgeräte selbstbestimmt ihren Weg haben gehen können. Sie haben z.B. eine Technikerausbildung  oder eine Lehre gemacht oder auch studiert.

Eine ganz besondere Frage stand über allem. Die Eltern baten uns darum, ihnen doch zu erzählen, warum wir jetzt seit 20 Jahren ihren Kindern, also wildfremden Kindern, diese Hilfe zukommen lassen. Für diese Eltern ist es ein unbegreiflicher Akt der Nächstenliebe und sie können es nicht fassen, dass Menschen dazu bereit sind. Wir haben ihnen erklärt, dass wir dies nur leisten können, weil es in Deutschland unwahrscheinlich viele Menschen gibt, die uns mit ihren Taten und mit Spenden unterstützen und damit unsere Hilfe möglich machen.

Um 19:00 Uhr wurden wir anlässlich der 20 Jahre TS-Hilfe mit einem Teil der Lehrerschaft mit dem Bus in ein Restaurant  gefahren. Bei gutem und üppigem Essen wurden viele Reden gehalten, es wurde getanzt, getrunken und ausgelassen gefeiert.

Obwohl wir nach diesem anstrengenden Tag sehr müde waren, haben wir den Abend in der Krankenstation der Schule (unsere Unterkunft) gemeinsam ausklingen lassen. Es sind an einem Tag wie diesem so viele Eindrücke auf uns eingestürzt, die im Gespräch abgearbeitet werden mussten, damit man überhaupt etwas zur Ruhe kam und an Schlafen denken konnte.

   

29. September 2015

Ab 9:00 Uhr wurde dann wieder im Labor gearbeitet. 48 Kinder und einige Erwachsene wurden versorgt. Die Kinder der einzelnen Klassen kamen mit kleinen selbst gebastelten Geschenken, um uns eine Freude zu bereiten und um ihre Dankbarkeit auszudrücken.

Um 14:00 Uhr wurde ich (Frauke) von Irina und Galina abgeholt, um einige der Familien zu besuchen, damit ich mir ein Bild machen kann, in welchen Verhältnissen Kinder der Suppenküche leben müssen. Es ist unbedingt notwendig Möglichkeiten zu finden, diesen Kindern zu helfen und sie auch weiterhin zu unterstützen. Galina übergab mir wieder die korrekt geführte Jahresabrechnung und ich habe dem Haushalt entsprechend die Summe für den Jahresbedarf der Suppenküche bis 2016 übergeben.

Wir besuchten 4 Familien. Zuerst gingen wir zur Familie Iwanova mit vier Mädchen, von denen drei am letzten Ferienaufenthalt in Niebüll teilgenommen hatten. Nach diesem Aufenthalt wurden diese Kinder in ein Waisenhaus gebracht, weil die Mutter nichts mehr von ihnen wissen will und der Vater für mehrere Jahre ins Gefängnis muss.  Sie machten aber  trotz der gegebenen Situation einen guten und fröhlichen Eindruck, was sicherlich durch regelmäßige Mahlzeiten, ein sauberes und gewaltfreies Zuhause und freundliche Betreuerinnen bedingt ist. Beim Besuch bei Dascha und Sascha hat mich der Zustand der Mutter zutiefst  erschüttert. Sie ist Alkoholikerin  und kümmert sich nicht um die Kinder. Dascha weinte bitterlich als sie mich sah. Angelinas, Angelas und Anjas Zuhause ist sehr ähnlich. Mit 10 Personen leben sie in einer kleinen Wohnung, die sehr ungepflegt ist. Die Mutter war nur mit Nachthemd und Morgenmantel bekleidet. Die Kinder überlässt sie sich selbst. Sabrinas Zuhause ist einfach schrecklich. Mir fehlen die Worte. Die Mutter trinkt. Mit Schwester, Nichten, Neffen und Großmutter lebt sie in einer kleinen Wohnung.  Die Hilfe von Irina und ihren Helferinnen ist für die Kinder der Suppenküche lebensnotwendig und ist auch Hoffnung und Perspektive für die Zukunft.   

Als wir um 17:30 Uhr zurück in der Schule waren,  hatten wir ein Treffen mit Jugendlichen, die wir vor ca. 20 Jahren  in Niebüll versorgt haben. Sie berichteten von ihrem Leben mit den Hörgeräten und welche Türen sich ihnen dadurch geöffnet haben. Diese Aussage der Jugendlichen ist für uns überaus wichtig, denn sie bestätigt die Richtigkeit unseres Handelns. Sie rechtfertigt unser Tun und zeigt, dass unsere Arbeit in Belarus sinnvoll ist, woran wir manches Mal gezweifelt haben. Diese positiven Erfahrungen, die diese Jugendlichen gemacht haben, geben uns den Antrieb weiterzumachen.

Das Beisammensein mit diesen jungen Menschen war für uns eine sehr emotionale und positive Stunde mit Dankbarkeit auf beiden Seiten. Aber auch sie wollten wissen, warum wir dies alles tun. Sie haben sich darüber sehr gewundert. Eine solche Lebenseinstellung haben sie noch nicht erlebt.

Nach einem Abendessen bei Natalia wurden die Koffer gepackt und rechtzeitig ins Bett gegangen. Durch meine Besuche bei den sog. Suppenküchen-Kindern und deren Familien war ich (Frauke) emotional ziemlich fertig und musste für mich allein sein.

   

30. September 2015

Die Tage in Belarus waren dieses Mal sehr effektiv und anders als sonst auch von weißrussischer Seite gut durchorganisiert. Wir haben das Gefühl, dass unsere Arbeit das erste Mal nach 20 Jahren wirklich gewürdigt wurde und uns von den Lehrern, Eltern und Kindern und sogar von höheren amtlichen Stellen in Belarus Achtung und Respekt gezollt wurde. Das macht Mut weiterzumachen.

Der Termin für 2016 ist wie folgt geplant:

22.09.16   Hinflug   ----  Kobriner Schule
24.09.16   nach Pinsk ---  Schule und Suppenküche
28.09.16   Abflug

Wir hoffen, dass wir auch für 2016 genügend Helfer bekommen, um das leisten zu können.