Bericht über unsere Reise nach Belarus 2018

vom 17. bis 23. September 2018

von Frauke und Paul Martin Nissen

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Das Team bestand aus :

Frauke und Paul Martin Nissen, den Akustikern Nico Mühlbacher aus Denia/Spanien, Sebastian Scheerer  und Artur Kerenker von der Firma Scheerer aus Kleve.

 

Nach dem Flug über Wien nach Minsk wurden uns gleich bei den Sicherheitskontrollen der Koffer viele benötigte Dinge für die Abdrucknahme der Ohren, das Labor und die Reparatur der Geräte aus dem Koffern genommen. In den Jahren davor konnten wir diese Dinge immer anstandslos mitnehmen.  Das war natürlich ein erheblicher Schaden für uns und bringt die Labore vor Ort in Bedrängnis, da das entsprechende Material fehlt. Wir werden das jetzt per Paket nachschicken müssen.

Nach einer weiteren fünf stündigen Busfahrt kam unsere Delegation dann nach ca. 12 Std. in der Schwerhörigenschule in Pinsk an.

Vor Ort untersuchten wir an den ersten zwei Tagen alle neu eingeschulten Kinder aus der Kita (Kinder ab 2 Jahren), dem Kindergarten und der ersten Schulkasse. Die Kinder wurden alle von uns mit Hörgeräten versorgt. Da unser „Besuchrythmus“ in Belarus nur noch zweijährig stattfindet, untersuchten wir zusätzlich auch die Kinder, die die Audiomitristen  und Labortechniker vor Ort in den letzten zwei Jahren mit Hörgeräten aus unserem vorgehaltenen Hörgerätelager versorgt hatten. Wir nutzten diese Aktion auch, um einerseits die Anpassung der Hörgeräte für die Kinder zu verbessern und andererseits auch gleich die Audiomietristen und Labortechniker vor Ort zu schulen. Das Projekt – Hilfe zur Selbsthilfe - ist voll bestätigt worden! Alle beteiligten Personen haben eine erstklassige Arbeit vollbracht. Darauf können wir in der Zukunft aufbauen.

Sebastian und Artur haben parallel über Fernwartung ein neues Onlineprogramm, welches uns die Firma Amparex kostenlos zur Verfügung gestellt hat, auf die PC`s der Schulen in Kobrin und Pinsk aufgespielt. Mit diesem Programm können wir noch mehr Professionalität in unsere Arbeit vor Ort bringen.

Es wurde die vor Ort aktuell benötigte  Anpassungssoftware installiert, so dass wir kurzfristig auf Veränderungen am Hörgerätemarkt und den Entwicklungen in Belarus entsprechend reagieren können.

Am dritten Tag kamen 15 Kinder mit dem Bus und zwei Betreuern aus der 120 km entfernten Schwerhörigenschule-Kobrin. Diese Kinder wurden dann von uns entsprechend ihren Bedürfnissen nach-  oder umversorgt.

Vereinzelt hatten Kinder schon „ein“ Hörgerät, das sie vom Staat - Belarus bekommen haben. Ein weiteres Gerät für das zweite Ohr bekommen die Kinder neuerdings erst nach 4 Jahren (früher nach 2 Jahren), sofern das Altgerät nicht kaputt ist. Dieses Vorgehen ist für das Kind eine ganz schlimme Sache, da bei der einseitigen Versorgung nach so langer Zeit, das nicht versorgte Ohr seine Hörfähigkeit verloren haben wird und nie wieder Töne wahrnehmen kann.

Zwei Kinder aus einer Familie kamen bei uns in der Schule mit jeweils einem neuen Hörgerät im Karton an, welches sie in der Klinik bekommen hatten. Allerdings wurden die Geräte überhaupt nicht auf die Schwerhörigkeit der Kinder eingestellt. Wir fertigten dann Abdrücke vom Ohr an und stellten dem einen Kind die beiden Hörgeräte auf ihre Schwerhörigkeit ein. Zusätzlich versorgten wir die Schwester mit zwei Geräten aus unserem Lagerbestand. Somit konnten wir eine beidohrige Versorgung der zwei Schwestern sicherstellen, so dass beide ihre Chance haben, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen, ihre Sprache zu erlernen und um einmal ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Chochlear - Implantate werden vom Staat bezahlt. Laut Aussage der Eltern aber auch bei mittelgradigen Schwierigkeiten  „aufgedrängt“. Die Vorgehensweise ist weder aus Kostengründen (CI-Op - ca 23.000€) wie auch aus der Hörentwicklung nicht zu verstehen. Die Richtigkeit der Aussage müssen wir noch in Erfahrung bringen.

Wir haben bei einigen Kindern zusätzlich zum Chochlear - Implantat auf das andere Ohr ein Hörgerät angepasst, um dann zu schauen, ob die Sprachentwicklung der Kinder schneller geht. Durch ein vor drei Jahren in Kobrin auf unserer Empfehlung hin ins Leben gerufenes Symposium mit Lehrern Ärzten und Eltern, kommen schon mehr dieser CI -Kinder in die Schwerhörigenschule nach Pinsk. Sie werden aber nicht sonderlich speziell geschult, was wir nach Gesprächen mit der Schulleitung zu verändern versuchen. Unterstützend werden wir auch versuchen mit dem nächsten Erholungsaufenthalt vom 02.06 -30.06.2019  von 25 Kindern aus der Suppenküche in Niebüll zwei Lehrerinnen mit einzuladen, damit diese in der Zeit parallel ein Praktikum in der Schwerhörigenschule in Schleswig absolvieren können. Es besteht die Hoffnung, dass mit Hilfe der Erfahrungen aus dem Praktikum das geplante und neu zu entwickelnde CI-Kompetenzzentrum auf ein breiteres Fundament gestellt werden kann. Die Erfahrungen aus dem Praktikum sollen praktisch wie ein Leuchtturm auf die optimale Schulung für die Implantat Träger in Belarus wirken.

Frauke besuchte zwischendurch drei Familien von den Kindern aus der Suppenküche, die im letzten Sommer bei uns in Niebüll zur Erholung in der Jugendherberge waren.

Maxim (12 Jahre) lebt mit 4 Generationen in einer 30 qm Wohnung.  Die 35 jährige Mutter liegt schwerstbehindert den ganzen Tag und Nacht schreiend im Bett. Maxim`s Oma versorgt die Familie und hat nicht mal ein Bett. Die Ur-Großmutter schläft auf dem Sofa im Flur. Der Junge ist total verstört. Ihm haben wir Lärmkiller angepasst, damit er nachts schlafen kann.

Bei Sascha und Veronika  und den zwei weiteren Geschwistern ist die oft bösartige Mutter weggelaufen. Der Vater trinkt oft Alkohol, hat aber Arbeit. Die beiden Kinder werden von der Oma versorgt, welche von uns auch zwei Hörgeräte angepasst bekam und damit überglücklich war.

In der Familie von Nikita sah es am schlimmsten aus. Dort leben acht Kinder von      1 – 13 Jahren. Der Kühlschrank war kaputt und der sehr warme Sommer brachte die Familie in sehr große Not. Frauke hat dann erst einmal einen neuen Kühlschrank besorgt, damit die Familie ihr Essen möglichst lange haltbar aufbewahren kann. Denn Geld, um verdorbene Waren zu ersetzen, ist nicht vorhanden. Mutter und Kinder weinten und schrien vor Freude. Die Kinder aus dieser Familie und ca. 50 – 70 weitere Kinder bekommen von den Leitern der Suppenküche Irina und Victor und deren Helfern die nötige Unterstützung. Sie werden ernährt, geschult, bekommen Hilfestellung bei schulischen Problemen, Arztbesuchen, Traumata und arbeiten auch mit den Eltern wenn sie Alkoholprobleme haben.

Vladiks Familie hat Frauke bei unserem letzten Aufenthalt in Pinsk besucht. So ein „Dreckloch“ auf 20 qm hat sie noch nie gesehen. Die Mutter trinkt und ist sehr gewalttätig. Sie hat ihm vor einiger Zeit 3 Zähne ausgeschlagen. Beim erzählen weinte der 16 jährige, was in Belarus sehr ungewöhnlich ist, da Jungs dort nicht weinen. Wir suchen Spenden, um ihm neue Zähne anpassen zu können.

Er ist ein talentierter Fußballer. Leider kann er aber wahrscheinlich nicht mehr spielen, da er bei  Belastung Schmerzen in den Beinen bekommt. Dies ist die Folge der Reaktorkatastrophe unter der viele Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene leiden.  

Am letzten Tag kam dann noch ganz große Freude auf. Es kamen viele Eltern, die wir in der Anfangszeit in Niebüll mit Hörgeräten versorgt hatten. Sie haben erfahren, was es heißt, zu hören und wie viel leichter man es damit dann im Leben hat. Sie sorgen aus ihrer Erfahrung heraus jetzt dafür, dass ihr Nachwuchs (der Jüngste war ½ Jahr) so früh wie möglich versorgt wird, um alle Chance der Welt zu haben ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.    

Am letzten Tag waren auch einige ältere Menschen anwesend und auch die wurden mit gebrauchten Geräten aus unserer „Schatzkiste“ versorgt. Diese Geräte können wir nicht für die Kinder gebrauchen, die an einer Taubheit mit der Grenze zur Schwerhörigkeiten leiden.

Aktuell werden alle Kinder mit digitalen, mehrkanaligen - Power Geräten versorgt, die mit dem PC sehr genau auf ihre Schwerhörigkeit programmiert werden.

 

Niko Nissen Stiftung eV.
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